Wissen · Grundlagen der Thermografie
Thermografie beim Pferd verstehen Mehr Gesundheit
Eine Wärmebildkamera misst die Wärme, die die Hautoberfläche Deines Pferdes abstrahlt. Ob daraus ein aussagekräftiges Bild wird, hängt von Physik und Anatomie ab: davon, wie Wärme im Körper entsteht, transportiert und abgegeben wird, und davon, welche Strukturen dicht unter der Haut liegen. Diese Seite erklärt diese Grundlagen nachvollziehbar und mit wissenschaftlichen Quellen belegt – als Hintergrund zu unserer mobilen Pferdethermografie in Bayern.
- Die Kamera misst keine „inneren Werte", sondern die Infrarotstrahlung der Hautoberfläche.
- Sichtbar werden vor allem durchblutungs- und stoffwechselbedingte Temperaturmuster.
- Knochen erscheinen kühler, gut durchblutete Muskulatur und oberflächennahe Gefäße wärmer.
- Beurteilt wird vor allem der Links-rechts-Vergleich, nicht ein einzelner Absolutwert.
- Das Verfahren ist ein Screening – es zeigt, wo sich genaueres Hinsehen lohnt, und ersetzt keine tierärztliche Diagnose.
Physikalische Grundlage
Was misst eine Wärmebildkamera eigentlich?
Jeder Körper über dem absoluten Nullpunkt sendet Wärmestrahlung aus. Die durch ihre Temperatur in Schwingung versetzten Teilchen der Haut geben überschüssige Energie als Infrarotstrahlung ab. Wie stark diese Strahlung ist, beschreibt das Stefan-Boltzmann-Gesetz: Sie hängt von der Temperatur der Oberfläche und ihrem Emissionsgrad ab [4].
Infrarotstrahlung liegt im elektromagnetischen Spektrum zwischen Mikrowellen und sichtbarem Licht und ist für das Auge unsichtbar. Säugetierhaut strahlt am stärksten im mittleren Infrarot (etwa 5 bis 15 µm Wellenlänge) – genau diesen Bereich werten Thermografiekameras für Tiere aus [8].
Damit Aufnahmen vergleichbar bleiben, wird kalibriert und nach anerkannten Richtlinien gearbeitet – etwa den Leitlinien der American Academy of Thermology [17] und der allgemeinen Verfahrensnorm ISO 18434-1 [18]. Die physikalischen Grundlagen der medizinischen Infrarotbildgebung sind in der Fachliteratur ausführlich beschrieben [2].
Wärmehaushalt
Wie entsteht und verteilt sich Wärme im Pferdekörper?
Wärme entsteht im Stoffwechsel
Wärme ist ein ständiges Nebenprodukt des Stoffwechsels. Beim oxidativen Abbau von Kohlenhydraten und Fetten gewinnen die Zellen Energie in Form von ATP – vor allem in den Mitochondrien [5]. Ein Teil der Energie wird dabei nicht in ATP umgesetzt, sondern als Wärme frei; diese gezielte Wärmebildung („Thermogenese") ist in stoffwechselaktivem Gewebe wie Muskulatur und braunem Fettgewebe besonders ausgeprägt [6][7]. Für das Wärmebild folgt daraus eine einfache Regel: stoffwechsel- und bewegungsaktive Regionen sind tendenziell wärmer, ruhende und schlecht durchblutete Strukturen kühler.
Das Blut verteilt die Wärme
Drei Mechanismen transportieren die Wärme: die Wärmeleitung von Teilchen zu Teilchen, die Konvektion über das Blut und die Steuerung der Durchblutung. Der wichtigste Weg ist das durchströmende Blut, das Wärme aus Organen und Muskeln aufnimmt und im Körper verteilt [4]. Bei Wärme weiten sich die Gefäße und geben mehr Wärme nach außen ab; bei Kälte verengen sie sich, um Wärme zu halten [3]. Weil das Blut der Hauptträger ist, schlägt sich jede Veränderung der Durchblutung in der Oberflächentemperatur nieder – das ist der eigentliche Grund, warum Thermografie funktioniert [1]. Wie sich eine therapeutisch ausgelöste Durchblutungsänderung konkret im Wärmebild niederschlägt, zeigt exemplarisch unsere thermografische BEMER-Studie.

Wärme wird an die Umgebung abgegeben
Über die Haut wirken vier Prinzipien zusammen: Konvektion an die umströmende Luft (Wind verstärkt sie, das Fell wirkt als Barriere), Verdunstung über Atemluft und Schweiß, Wärmeleitung sowie die Wärmestrahlung, die die Thermografie nutzt [4]. Das Mischungsverhältnis verschiebt sich mit der Temperatur: Bei höheren Außentemperaturen übernimmt die Verdunstung (Schwitzen) einen zunehmenden Anteil, und ab einem gewissen Punkt lässt das Wärmebild keine verlässliche Aussage zu anderen Auffälligkeiten mehr zu [1]. Das ist einer der Gründe, warum eine Untersuchung kontrollierte Umgebungsbedingungen braucht.
Anatomie
Warum zeigt das Wärmebild die Anatomie des Pferdes?
Welche Strukturen sichtbar werden, ergibt sich aus ihrer Lage und Durchblutung.
Knochen, Gelenke und Bänder. Knochen sind zwar durchblutetes Gewebe, durch ihre äußere Schicht aber kühler als Muskel. Gut beurteilbar sind sie nur dort, wo sie dicht unter der Haut liegen – etwa die Wirbelsäule im Brust- bis Kreuzbereich. Tief muskelbedeckte Knochen entziehen sich der Oberflächenmessung weitgehend [10].
Gliedmaßen. Unterhalb von Karpal- bzw. Sprunggelenk gibt es kaum Muskulatur; dort prägen Sehnen, Bänder und vor allem die Blutgefäße das Wärmebild – Gefäßverläufe sind hier oft deutlich zu erkennen [1].
Muskulatur. Stark durchblutete, gut bemuskelte Regionen wie Hals, Schulter und die Rückenmuskulatur entlang der Wirbelsäule zählen zu den wärmsten Bereichen; oberflächennahe Venen – etwa in der Drosselrinne am Hals – erwärmen die darüberliegende Haut zusätzlich. Die Rückenmittellinie ist in Ruhe meist etwas wärmer als die seitlich angrenzende Muskulatur [12].


Gangarten und Belastung. Schritt, Trab und Galopp unterscheiden sich in Takt und Stützphasen und erzeugen dadurch charakteristische Belastungs- und Wärmemuster. Der Trab ist die regelmäßigste und am besten reproduzierbare Gangart und eignet sich daher besonders für vergleichende Messungen [11].
Häufigster Anlass
Lahmheit: was die Thermografie sichtbar machen kann.
Eine unklare oder wechselnde Lahmheit ist der häufigste Grund, aus dem Pferdebesitzer eine thermografische Untersuchung anfragen. Die Methode erkennt keine Lahmheit als solche – sie macht thermische Auffälligkeiten sichtbar, die mit der Ursache zusammenhängen können.
Das Grundprinzip: Entzündliche Prozesse gehen mit gesteigerter Durchblutung einher und zeigen sich tendenziell als wärmere Region; eine verminderte Durchblutung – etwa bei Schwellung, Thrombose oder nach Nervenschädigung – kann sich als kühlerer Bereich darstellen [1]. In einer Untersuchung an lahmen Pferden war die auffällige Seite im Mittel deutlich wärmer als die gesunde Gegenseite, und in der großen Mehrheit der Fälle bestand ein Links-rechts-Unterschied von etwa einem Grad oder mehr; ein solcher Seitenunterschied gilt als Anhaltspunkt, nicht als feste Diagnoseschwelle [13].
Der praktische Wert liegt in der Früherkennung und Verlaufskontrolle: Beim Aufspüren von Temperaturunterschieden ist die Kamera deutlich empfindlicher als die tastende Hand, und thermische Veränderungen können oft schon Tage bis Wochen vor sichtbaren Anzeichen auftreten [1]. So lässt sich die Region eingrenzen, in der eine genauere tierärztliche Abklärung – etwa per Röntgen oder Ultraschall – sinnvoll ist.


Einordnung
Was die Thermografie kann – und was nicht.
Die Thermografie ist eine physiologische Bildgebung: Sie zeigt funktionelle, durchblutungsbedingte Veränderungen und macht entzündliche Prozesse häufig sichtbar, bevor sie anders auffallen [1]. Zugleich ist sie nicht spezifisch: Sie zeigt, dass und wo eine Auffälligkeit besteht, nicht deren Ursache, und kann anatomisch-bildgebende Verfahren (Röntgen, Ultraschall, CT, MRT, Szintigrafie) nicht ersetzen – sie ergänzt sie [13]. Aktuelle Übersichtsarbeiten ordnen sie als einen ergänzenden, nicht alleinigen Baustein im Tierwohl- und Leistungsmonitoring ein [15][16].
Qualität der Aufnahme
Welche Faktoren verfälschen ein Wärmebild?
Gerade weil die Methode empfindlich ist, beeinflussen äußere Faktoren das Ergebnis stark. Verlässliche Aufnahmen entstehen nur unter kontrollierten Bedingungen:
- Wind und Zugluft erhöhen die Abkühlung, besonders an den Beinen – daher windstiller Raum, keine Aufnahmen im Freien.
- Umgebungstemperatur: ideal um 20 °C, praktikabel etwa zwischen 12 und 25 °C. Absolutwerte sind stets im Verhältnis zur Raumtemperatur zu lesen; der Links-rechts-Vergleich bleibt davon weitgehend unberührt.
- Akklimatisierung: das Pferd braucht je nach Vorgeschichte rund eine Stunde, bis die Oberflächentemperatur stabil ist.
- Fell und Pflege: kurzes, sauberes, trockenes Fell; Schmutz, Salben und Nässe verfälschen das Bild.
- Licht und Wärmequellen: direkte und indirekte Sonne, Lampen und Heizungen sind zu vermeiden.
Dass diese Faktoren konsequent kontrolliert werden, ist der Unterschied zwischen einem hübschen Falschfarbenbild und einer belastbaren Aufnahme [14][4]. Wie wir das in der Praxis umsetzen, beschreiben wir unter Unsere Technik; unsere eigene Forschung findest Du unter Forschung & Studien.
FAQ
Häufige Fragen zu den Grundlagen.
Was misst eine Wärmebildkamera beim Pferd?
Eine Wärmebildkamera misst nicht den Körperinneren, sondern die Infrarotstrahlung, die die Hautoberfläche abgibt. Daraus berechnet sie ein Temperaturbild. Weil die Oberflächentemperatur eng mit der Durchblutung zusammenhängt, werden vor allem durchblutungs- und stoffwechselbedingte Veränderungen sichtbar.
Kann eine Thermografie eine Lahmheit erkennen?
Die Thermografie erkennt keine Lahmheit als solche, sie macht aber thermische Auffälligkeiten sichtbar, die mit der Ursache zusammenhängen können – etwa eine entzündungsbedingt wärmere Region oder einen kühleren Bereich bei gestörter Durchblutung. Sie hilft so, die Stelle einzugrenzen, an der eine tierärztliche Abklärung sinnvoll ist. Beurteilt wird vor allem der Seitenvergleich, nicht ein einzelner Absolutwert.
Ersetzt die Thermografie Röntgen oder Ultraschall?
Nein. Die Thermografie ist ein Screening- und Ergänzungsverfahren. Sie zeigt funktionelle, durchblutungsbedingte Veränderungen, während Röntgen, Ultraschall, CT oder MRT die Struktur abbilden. Beide Ansätze ergänzen sich; eine Diagnose stellt der Tierarzt.
Warum braucht eine Thermografie kontrollierte Bedingungen?
Wind, Sonne, Umgebungstemperatur und ein dichtes oder feuchtes Fell verändern die Oberflächentemperatur und können falsche Muster erzeugen. Aussagekräftige Aufnahmen entstehen deshalb in einem windstillen, sonnengeschützten Raum bei stabiler Temperatur und nach einer Akklimatisierungszeit.
Eine Frage zu Deinem Pferd?
Beschreib mir kurz, was bei Deinem Pferd los ist – ich sage Dir ehrlich und unverbindlich, ob eine thermografische Untersuchung sinnvoll ist. Mobil bei Dir im Stall in ganz Bayern.
Quellen & Belege
Wissenschaftliche Quellen.
Die folgenden Quellen sind die Grundlage dieser Seite. Buchquellen ohne dauerhaften Online-Link sind mit Verlag und ISBN angegeben.
- P. Kruljc: „Thermographic examination of the horse". Acta Veterinaria-Beograd 73(3), 2023. doi:10.2478/acve-2023-0023
- O. Dössel: „Bildgebende Verfahren in der Medizin". 2. Aufl., Springer, Heidelberg 2016. ISBN 978-3-642-54406-4.
- H. D. Baehr, K. Stephan: „Wärme- und Stoffübertragung". 7. Aufl., Springer, Heidelberg 2010. ISBN 978-3-642-05500-3.
- D. R. Hodgson, K. H. McKeever, C. M. McGowan: „The Athletic Horse". 2. Aufl., Elsevier 2014. doi:10.1016/C2009-0-46058-6
- J. M. Berg, J. L. Tymoczko, G. J. Gatto, L. Stryer: „Biochemistry". 8. Aufl., W. H. Freeman, New York 2015. worldcat.org
- B. Cannon, J. Nedergaard: „Nonshivering thermogenesis and its adequate measurement in metabolic studies". J Exp Biol 214, 2011. doi:10.1242/jeb.050989
- S. M. Jung, J. Sanchez-Gurmaches, D. A. Guertin: „Brown Adipose Tissue Development and Metabolism". Handb Exp Pharmacol 251, 2019. doi:10.1007/164_2018_168
- N. E. McGowan et al.: „Measuring the emissivity of mammal pelage". Quant Infrared Thermogr J 15(2), 2018. doi:10.1080/17686733.2018.1437239
- N. E. McGowan et al.: „Dietary effects on pelage emissivity in mammals". J Therm Biol 88, 2020. doi:10.1016/j.jtherbio.2020.102516
- K.-D. Budras, W. O. Sack, S. Röck: „Anatomy of the Horse". 6. Aufl., Schlütersche, Hannover 2011. ISBN 978-3-89993-666-7.
- S. Pilliner, S. Elmhurst, Z. Davies: „The Horse in Motion". Blackwell Science, Oxford 2002. ISBN 978-0-632-05137-7.
- E. Jodkowska, K. Dudek, M. Soroko: „Temperature range analysis (T_max) on dorsal surface of sporting horses". Turk J Vet Anim Sci 39(2), 2015. doi:10.3906/vet-1410-17
- S. Okur et al.: „The Effectiveness of Thermography in Determining Localization of Orthopedic Diseases in Horses". Van Vet J 34(1), 2023. doi:10.36483/vanvetj.1217002
- M. Soroko-Dubrovina, M. C. G. Davies Morel: „Equine Thermography in Practice". 2. Aufl., CABI, Wallington 2023. ISBN 978-1-80062-062-7.
- R. M. Aarts et al.: „Technologies for equine welfare and performance monitoring under field conditions – Where do we stand?". Equine Veterinary Journal, 2025 (Open Access). doi:10.1111/evj.70092
- M. Soroko-Dubrovina et al.: „The Application of Infrared Thermography in Equestrian Sport". Springer Nature, 2025. doi:10.1007/978-3-031-93311-0_15
- American Academy of Thermology: „Guidelines for Veterinary Thermography", 2022. aathermology.org (PDF)
- ISO 18434-1:2008 – „Condition monitoring and diagnostics of machines — Thermography — Part 1". iso.org
Diese Seite dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine professionelle tierärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Pferdethermografie equithermoscan ist ein ergänzendes Hilfsmittel zur Lokalisierung von Problembereichen und zur Verlaufskontrolle; wir stellen keine Diagnosen. Für individuelle Fragen zur Gesundheit Deines Pferdes konsultiere bitte stets einen qualifizierten Tierarzt. Es gelten unsere AGB.

